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Kommt es noch härter für das

Beraterbusiness?

Ein Blick in die Zukunft

von Patrizia Trolese, 10. Juni 2014

Harte Zeiten für Berater“ titelte der Harvard Business Manager jüngst, und das manager magazin wartete auf mit „Der Überlebenskampf im Beraterbusiness“. Ex-Boston Consulting Group-Berater Clayton Christensen, heute Professor an der Harvard Business School, sieht disruptive Kräfte am Werk, die neue Wettbewerber mit schlankeren Geschäftsmodellen und neuen Technologien entstehen lassen. Der Kostendruck der Auftraggeber drückt auf die Honorare. Beispiele wie das moderierte Expertennetzwerk Gerson Lehrmann Group oder das Crowdsourcing-Portal OpenIdeo, auf dem die Internetgemeinde Probleme für Unternehmen löst, lassen aufhorchen.

Die Anpassung der Geschäftsmodelle an die neuen Marktbedingungen ist aber nicht die einzige Challenge, der sich die Branche stellen muss. Gleichzeitig gilt, multidisziplinäre Ressourcen aufzubauen, um sich für die komplexen Herausforderungen der Kunden in der vernetzten Welt von morgen zu rüsten. Seit der Erfindung des World Wide Web durch Tim Berners-Lee Anfang der 90er Jahre wird es immer häufiger notwendig, strategische, technologische, informationelle und rechtliche Aspekte einer unternehmerischen Situation zusammenzudenken. Clayton Christensen geht folgerichtig davon aus, dass die Dienstleistungen verschiedener Professional Service Segmente immer mehr miteinander verschwimmen werden.

Für die Beraterbranche gilt, Trends in der vernetzten Welt der Kunden zu erkennen, deren zukünftigen Herausforderungen zu antizipieren und entsprechende Ressourcen aufzubauen. Die Autorin wagt einen Blick in die Zukunft und identifiziert auf Basis eines journalistisch-narrativen Ansatzes fünf technologiegetriebene

Megatrends mit einer angenommenen Dauer von mehr als 30 Jahren. Es werden Chancen für nahezu alle Professional Service Segmente ausgemacht – für Strategie - genauso wie für IT- und Rechtsberater. Darüber hinaus widmet sich die Autorin der Frage, inwieweit verschiedene Professional Service Segmente die Megatrends bereits aufgegriffen und welchen Herausforderungen sie sich jeweils zu stellen haben.

Megatrend Nummer 1: Industrie 4.0

Die technische Infrastruktur von morgen ist das Outernet. Hier verschmilzt das Internet mit der Realität. Die Möglichkeiten der digitalen Welt – Verlinkung, Personalisierung und Interaktion – werden auf die reale Welt übertragen. Geht es im alten Web 2.0 primär um die Vernetzung von Menschen, Daten und Informationen, so kommen im Outernet die physischen Dinge im Raum hinzu. Schließlich vernetzen sich die Dinge direkt miteinander und bilden das Web of Things. Der PC verschwindet zunehmend als Gerät und wird durch „intelligente Gegenstände“ ersetzt. Die automatische Identifikation geschieht mittels RFID; weitere Technologien wie Sensoren und Aktuatoren erweitern die Funktionalität um die Erfassung von Zuständen und die Ausführung von Aktionen. Das Internet der Dinge wird bald unser gesamtes Leben bestimmen – ob beim autonomen Fahren oder im vernetzten Haus.

Industrie 4.0 ist das Internet der Dinge in der Produktion. Ziel ist die Smart Factory, die sich durch die Integration von Kunden und Geschäftspartnern in Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse auszeichnet. Die vierte industrielle Revolution auf Basis Cyber-Physischer Systeme löst die dritte industrielle Revolution ab, die durch den Einsatz von Elektronik, IT und zentrale Steuerungssysteme geprägt war. Kennzeichen der modernen Industrieproduktion ist eine starke Individualisierung der Produkte sowie eine hoch flexibilisierte (Großserien-) Produktion. Erstmalig übernehmen entstehende Produkte eine aktive Rolle: Nicht eine zentrale Steuerung, sondern der Rohling für ein Produkt kommuniziert, wie er in den einzelnen Fertigungsschritten bearbeitet werden muss – es wird zum Beobachter und Akteur.

Bei der Entwicklung der Produktion der vierten Generation kooperieren bereits Unternehmen von Siemens bis SAP, von Bosch bis BMW mit Wissenschaftlern von Universitäten und Forschungsinstituten. Am Markt positionieren sich zudem erste Thought Leader aus der Professional Service Branche – Henning Kagermann, bis 2009 CEO von SAP und Prof. August-Wilhelm Scheer von der Scheer Management GmbH genauso wie McKinsey und die ROI Management Consulting GmbH.

Megatrend Nummer 2: Big Data

Die immer stärkere Nutzung von Sensoren in der Produktion, Social Media Kommunikation und mobilen Geräten hat einen sprunghaften Anstieg des weltweiten Datenvolumens verursacht. Dabei handelt es sich größtenteils um umstrukturierte Daten wie Videos, Texte oder Bilder. Modernste Technologie, RFID und Sensoren laden zudem zu Echtzeitanalysen ein. Damit ist Big Data umschrieben mit den drei Vs Volume, Variety und Velocity. Cloud Computing macht eine Speicherung und Verarbeitung großer Datenmengen für jedes - auch mittelständische – Unternehmen möglich. Big Data ist für alle nutzbar – für die Forschung, Gesundheitswirtschaft und Strombörse genauso wie für Unternehmen und Investmentbanken.

Neben der Produktion profitieren auch weitere Unternehmensbereiche von Big Data. Der Marketing-Chef beginnt seinen Arbeitstag am Dashboard mit der Kontrolle der Key Performance Indikators des letzten Tages. Ist die Wetterprognose schlecht, gilt es, die Werbung auf die Käuferstimmung auszurichten. Per Knopfdruck führen Insights aus Social Media Data, Ideen aus Social Sourcing und Gestaltungselemente aus der Datenbank zur automatischen Kreation. Darüber hinaus werden individuelle Nutzerprofile erstellt. Algorithmen sagen voraus, welches Buch ein bestimmter Kunde als nächstes lesen wird. Die Wahrscheinlichkeit seines Kreditausfalles wird schließlich vom Risikomanager mithilfe eines Score-Wertes berechnet. Sharing, Openness und Transparency sind die dominierenden Handlungsmaximen der digitalen Kultur – auch wenn der Ruf nach Schutz vor Überwachung und Kontrolle insbesondere in Deutschland und Kontinentaleuropa nicht abebbt.

Die aus der IT-Beratung kommenden und im Bereich Outsourcing starken Business Innovation Partner wie Accenture, IBM Global Business Services oder Capgemini Consulting bieten bereits interdisziplinäre Teams von Strategie- und Technologieberatern, Anwendungsentwicklern, Data Scientists und Cybersecurity- Spezialisten für die Beratung im Big Data-Umfeld auf. Auch die Big Four der globalen Wirtschaftsprüfer Deloitte, PwC, Ernst & Young sowie KPMG haben insbesondere im Bereich Risikomanagement bereits multidisziplinäre Ressourcen aufgebaut.

Megatrend Nummer 3: Wissen

Wissen entwickelt sich immer mehr zum strategischen Erfolgsfaktor für Unternehmen. Die klassischen Produktionsfaktoren und eine rein technische Überlegenheit reichen nicht mehr aus, um die Stellung am Markt zu behaupten. Dabei stellt die Transformation von Daten, Informations- und Dokumentensammlungen in produktives Wissen eine große Herausforderung dar. Aus Daten wie z.B. der Zahl „95“ müssen zunächst einmal Informationen entstehen, indem sie in einen Unternehmenskontext gestellt werden und eine Bedeutung bekommen wie „der Aktienkurs beträgt heute 95 EURO“. Wissen entsteht schließlich erst, wenn Informationen in Bezug auf ein Handlungsziel und in Kenntnis der relevanten Variablen und Funktionsweise des Kontextes – in diesem Falle des Finanzmarktes – verarbeitet werden. 

Knowledge Management Systeme sorgen dafür, dass Daten und Informationen in Wikis, Weblogs und Rechnern, auf Papier oder in den Köpfen der Mitarbeiter den Kollegen zur Verfügung gestellt werden, damit daraus Wissen entstehen kann. Die Halbwertszeit von Wissen wird immer geringer. Zunehmend gilt, die richtige Information – aus welcher Quelle auch immer – zur richtigen Zeit an die richtige Person zum richtigen Endgerät zu liefern, um die Ressource Wissen voll ausschöpfen zu können. Schließlich wird Wissen auch automatisch durch eine intelligente Maschine abgeleitet und in Bezug auf ein Aktionsziel verarbeitet.

Noch ist der Megatrend Wissen fest in technologischer Hand. Neben traditionellen Datenbankanbietern wie Oracle oder MicroStrategy haben sich auch neue Technologieanbieter wie die Empolis Information Management GmbH auf den Weg in das Wissenszeitalter gemacht. Noch fehlen jedoch weitgehend Konzepte und Dienstleistungen in Bezug auf das Zusammenspiel von IT, Individuen und Unternehmenskultur als entscheidende Voraussetzung für den Erfolg des Managements von Wissen.

Megatrend Nummer 4: Virtuelle Unternehmen

In Zukunft werden sich zunehmend mehr rechtlich unabhängige Unternehmen bzw. Einzelpersonen virtuell über das Internet für eine gewisse Zeit zu einem gemeinsamen Geschäftsverbund zusammen schließen. Gegenüber Kunden treten Virtuelle Unternehmen wie ein einheitliches Unternehmen auf. Die Bedeutung des physischen Standorts der einzelnen Teilnehmer tritt in den Hintergrund. Vielmehr entstehen neue, verteilte Wertschöpfungspartnerschaften im Hinblick auf zeitlich begrenzte Potentiale in Bezug auf Themen, Produkte oder Märkte. Ziel ist, durch kooperative Zusammenarbeit von Partnern mit spezifischen Stärken die Wertschöpfungskette zu optimieren und dadurch eine besonders kundenorientierte und wettbewerbsfähige Leistung zu erstellen. Damit einher geht der Trend zur Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen sowie zur Beschäftigung von freiberuflich tätigen Wissensarbeitern und Kreativen.

Einige Beispiele in der Wirtschaft gibt es bereits. Mitsubishi, Toyota, Nissan und Subaru arbeiten gemeinsam an Ladeanlagen für Fahrzeuge im Zeitalter der Elektromobilität. Die Pharmakonzerne AstraZeneca und Bristol-Myers Squibb kooperieren bei Entwicklung, Produktion und Vertrieb eines Diabetesmittels. Schließlich verteidigt die Boston Consulting Group mit ihrer Practice „Allianzen & Joint Ventures“ einmal wieder ihren Stammplatz als Platzhirsch, wenn es um neue strategische Konzepte geht.

Megatrend Nummer 5: Globale Risikogesellschaft

Durch Währungsrisiken, die Vernetzung der Kapitalmärkte, schwankende Preise für Rohstoffe und die zunehmende Vernetzung und Automatisierung von Prozessen ergeben sich fortwährend neue finanzielle, technologische und geschäftsrelevante Risiken für Unternehmen. Die zunehmende Regulierung wie durch Basel III, Solvency II und IFRS bringen zudem höhere Haftungsrisiken für Unternehmen und Mitarbeiter mit sich. Immer mehr wird ein professionelles Risiko- und Compliance- Management notwendig.

Risiken entstehen auch durch wirtschaftskriminelle Handlungen, die der Trend zum digitalen Unternehmen, zur Öffnung von administrativen und Wertschöpfungsprozessen nach außen, mit sich bringt. Lose Organisationen sind schwierig zu kontrollieren. Einzelne Partner können vertrauliche Daten an Dritte weitergeben; wertvolles Wissen kann an Wettbewerber verloren gehen. Auch externe, global organisierte Cyberkriminelle und Wirtschaftspione können zu erheblichen Vermögens- und Reputationsrisiken von Unternehmen führen.

Ob Risiko- und Compliance-Management, Fraud Prevention und Forensic Investigations – insbesondere die großen Wirtschaftsprüfer und Business Innovation Partner haben bereits multidisziplinäre Teams aufgebaut bestehend aus Betriebwirten, Juristen, Kriminalisten, Kriminologen und IT-Spezialisten. Auch Berater wie die Boston Consulting Group sind bereits auf diesen Zug aufgesprungen – bisher allerdings ohne echte multidisziplinäre Expertise aufgebaut zu haben.

Der Überblick zeigt, dass die identifizierten Megatrends sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden. Big Data und die Globale Risikogesellschaft sind längst in der Wirtschaft angekommen. Insbesondere die großen Business Innovation Partner und Wirtschaftsprüfer haben diese Trends durch die Entwicklung interdisziplinärer Expertise bereits aufgegriffen. Noch ganz am Anfang der Entwicklung stehen hingegen die Megatrends Industrie 4.0, Wissen und Virtuelle Unternehmen. Es haben sich zwar erste Thought Leader aus der Consulting- und ITBeratung positioniert. Multidisziplinäre Expertise ist jedoch noch rar. In den Megatrends Industrie 4.0, Wissen und Virtuelle Unternehmen steckt also noch besonders viel Musik.

Die großen Business Innovation Partner und Big Four sind als multidisziplinäre Lösungsanbieter für die zukünftigen Herausforderungen ihrer Kunden bereits bestens aufgestellt. Das Ursprungsgeschäft ist stabil – nur sie sind in der Lage, den Fortune 500 einen globalen, qualitativ hochwertigen Service in den Bereichen Outsourcing bzw. Wirtschaftsprüfung zu bieten. Sie sind in Angriffslaune und drängen (einmal wieder) auf den Beratermarkt – Booz & Company ging schließlich, nachdem der Deal mit Accenture geplatzt war, an PwC, und mit dem Kauf von BrainNet ist die KPMG nun bestens gerüstet für das Zeitalter Industrie 4.0.

Allerdings müssen auch Herausforderungen gemeistert werden. Die Business Innovation Partner plagt der Kannibalisierungseffekt zwischen ihrem Outsourcingund Consulting-Business. Die Big Four müssen, um Interessenkonflikte zu vermeiden, das Prüfungs- und Beratungsgeschäft voneinander getrennt führen – Client Leverage Effekte können so nur bedingt ausgeschöpft werden.

Die großen Berater wie McKinsey und die Boston Consulting Group stoßen mittlerweile immer mehr ins IT-Geschäft vor. Bisher schienen sie – ähnlich wie die Rechtsberater - Berührungsängste gegenüber weniger margenträchtige Segmente wie die IT-Beratung zu haben. Nun stellt die Diversifizierung jedoch nicht mehr nur eine Möglichkeit für das Business Development dar, sondern eine Notwendigkeit zur Multidisziplinarität aus Kundensicht. Damit stehen die Consultants und Rechtsberater zukünftig immer häufiger in Konkurrenz zu den Business Innovation Partners und Big Four.

Die Kriegskassen der Management- und Rechtsberater sind durch die Globalisierung aufgezehrt. Gerüchteweise zieht selbst Roland Berger die Option eines Verkaufs an eine Big Four Company in Erwägung. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob ein organischer Aufbau multidisziplinärer Ressourcen rechtzeitig machbar ist, um die geschäftlichen Möglichkeiten der fünf Megatrends voll ausschöpfen zu können. Für die Strategie- und Rechtsberater gilt jedenfalls, das Thema jetzt anzugehen – der technologiebedingte Wandel wird sich noch beschleunigen!


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