Deutsche Gesellschaft
für Professional Service Firms e.V.
 

24. April 2012

kolumne: grob, zusammengefasst

Goldene
Worte

aus
der Goldenen Stadt

Teil I
 

von Martin Holler

Das Interessante an einer Tätigkeit im Ausland ist, dass man beliebige Aspekte des Berufslebens deutscher Anwälte mit Abstand betrachten und vergleichen kann. Leider haben Juristen in einem relativ großen Rechtsraum wie Deutschland sonst relativ wenig Gelegenheit hierzu. Während österreichische oder Schweizer Richter beispielweise aufmerksam die BGH Rechtsprechung verfolgen, blickt der deutsche Jurist selten einmal über die Grenze. Dies ist schade, weil man erst so manches im eigenen Land richtig verstehen und schätzen lernt. Wurde einem etwa eben in der Ausbildung noch das Abstraktionsprinzip als unverzichtbares Element einer zivilrechtlichen Ordnung präsentiert, so fragt man sich nun plötzlich, warum dann so ziemlich alle anderen auf der Welt offensichtlich ganz gut ohne auskommen.

Mit diesen Goldenen Worten versuche ich regelmäßig, die Teilnehmer deutscher Referendarsfahrten, die bei uns in der Kanzlei in Prag aufschlagen, zu einer Auslandsstation irgendwo auf der Welt zu bewegen. Allerdings gelingt es mir meist nur in recht überschaubaren Maße, in dieser Richtung für Begeisterung zu sorgen. Ich tröste mich dann damit, dass dies nur teilweise auf die vielleicht doch eingeschränkte Attraktivität meiner Goldenen Worte zurückzuführen ist. Tatsächlich scheint mir hier v.a. eine gewisse Ermattung der Referendare in Folge des unmenschlichen Stresses derartiger Fahrten eine erhebliche Rolle zu spielen. Hat man doch gewöhnlich in den Tagen zuvor bereits insgesamt mindestens zwei weitere halbstündige Termine absolvieren müssen, darunter ein Besuch in der Österreichischen Botschaft (für die Deutsche hatte man sich zu spät angemeldet) und in einer Brauerei. Welche Rolle die Beschäftigung mit den dort hergestellten Produkten für den Zustand der Referendar spielt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Jedenfalls ist gerade das Referendariat selbst besonders gut für eine externe Betrachtung geeignet, indem es mit ausländischen Formen der juristischen Ausbildung verglichen wird. Bei uns in der Kanzlei beschäftigen wir regelmäßig deutsche Referendare neben einer größeren Anzahl tschechischer „Rechtskonzipienten“. Die tschechische Ausbildung folgt im Wesentlichen dem österreichischen Modell. Auf ein vier- bis fünfjähriges Studium an einer Juristischen Fakultät, das mit einem Magister abgeschlossen wird, müssen sich die Nachwuchsjuristen entscheiden, ob sie die nächsten drei Jahre als Richteranwärter, Notars- oder eben Anwaltskonzipient verbringen möchten. Hierzu bewerben sie sich beispielweise bei uns. Denjenigen, bei denen wir das größte Potential vermuten, erteilen wir eine Zusage und schließen normale Arbeitsverträge mit den Kandidaten. Die Bezahlung ist hierbei – wenigsten bei uns und anderen großen Kanzleien – deutlich üppiger als das doch recht beklagenswerte Salär, das deutsche Referendare vom Staat erhalten und das sie sozial irgendwo zwischen Studenten und Hartz IV – Empfängern verortet. Darüber hinaus erhalten die Konzipienten von uns eine strukturierte Ausbildung mit Auslandsaufenthalten, Sprachunterricht, Tutoren und regelmäßige Zielgesprächen mit Gehaltserhöhungen sowie Pflichtseminare bei der Anwaltskammer. Hierfür erwarten wir allerdings auch einigen Einsatz und können die Tätigkeit der Konzipienten den Mandanten in Rechnung stellen. Wir haben also ein unmittelbares eigenes Interesse an einer vernünftigen Ausbildung des uns für drei Jahre anvertrauten Juristischen Nachwuchses. Dies unterscheidet uns gerade von dem deutschen Amtsrichter, dem man einmal wieder für ein paar Wochen einen Rechtsreferendar zugeteilt hat.

Die Unterschiede in den Ergebnissen dieser beiden Ausbildungsmodelle können wir jeden Tag in der Kanzlei sehen. Während die Konzipienten bereits nach wenigen Monaten wichtige Teammitglieder geworden sind, ist die Zusammenarbeit mit den deutschen Referendaren doch deutlich eingeschränkter. Dies trifft insbesondere auf diejenige zu, die nicht bereits nebenbei in einer Wirtschaftsrechtskanzlei gejobbt haben. Der Klassiker ist hier die Bitte an den Referendar, ein Antwortschreiben an einen Mandanten vorzubereiten, der ein juristisches Problem geschildert hat. Das Ergebnis ist regelmäßig ein fein ziseliertes, siebenseitiges Schreiben, in dem dargestellt wird, dass es hierzu sechs verschiedene juristische Meinungen gibt (unter korrekter Zitierung der entsprechender Urteile des Reichsgerichts aus dem frühen 20. Jahrhundert), die sich in drei wesentliche Gruppen zusammenfassen lassen. Nun ist es Sache des Ausbilders, dem Referendar vorsichtig zu erklären, dass sich der Mandant doch wahrscheinlich seinerzeit einigermaßen bewusst gegen ein Jurastudium entschieden hat und dies wohl auch nicht jetzt spontan nachholen möchte. Dazu kann man dann noch hilfsweise das wirtschaftliche Argument verwenden, dass man als Anwalt keine Mandanten haben sollte, die siebenseitige komplizierte Schreiben lesen möchten, weil diese regelmäßig keine Zeit haben, unser Honorar zu erwirtschaften.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass man es hier mit hochintelligenten und motivierten jungen Menschen zu tun hat, die bei uns in der Wahlstation am Ende einer zusammengenommen rund zwanzig Jahre dauernden schulischen, universitären und beruflichen Ausbildung stehen, aber trotzdem nur unvollkommen auf ihren Beruf vorbereitet sind. Dies ist umso erstaunlicher, als die Referendare im Schnitt noch mehrere Jahre älter sind als die Konzipienten.

Übrigens: Ich persönlich fand mein Referendariat toll. Man konnte in viele juristische Bereiche hineinschnuppern, trug keinerlei Verantwortung und hatte viel freie Zeit. Für meine spätere Tätigkeit in einer größeren Kanzlei habe ich in den zwei Jahren allerdings kaum etwas Verwertbares gelernt und so in der Anwaltsstation voller Stolz meinem Ausbilder das oben zitierte siebenseitige Schreiben überreicht. Meine Einstellung zum Abstraktionsprinzip habe ich dagegen vollständig geändert: Durch die Tätigkeit in einer Rechtsordnung, die dies nicht kennt, habe ich festgestellt, dass es ein faszinierendes Konzept ist, das sehr zur Klarheit im Denken zwingt.

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