Deutsche Gesellschaft
für Professional Service Firms e.V.
 

23. März 2012

kolumne: grob, zuammengefasst

Anwälte vs. Innovation

von Markus Hartung

Innovation, abgeleitet vom lateinischen „innovare“ (erneuern), bezeichnet die wirtschaftliche Umsetzung von neuen Ideen oder Erfindungen. Wir verbinden das normalerweise mit innovativen Produkten oder Herstellungsweisen. Die Autoproduktion am Fließband war eine Innovation, das iPhone ist zum Inbegriff des innovativen Produkts geworden, überhaupt gilt Apple als das Unternehmen, dem es in den letzten Jahrzehnten dreimal gelungen ist, durch innovative Produkte einen Markt oder eine Industrie völlig umzuwälzen (durch den ersten Mac, später den iPod und schließlich durch das iPhone).

Aber hier geht es nicht um Apple, sondern um Anwälte, genauer um die Anwaltschaft. Jede Industrie, jede Branche lebt von Innovationen. Unternehmen, die nicht mehr innovativ sind, verschwinden vom Markt. Das gilt grds. auch für die Dienstleistungsbranche, zu denen Anwälte gehören. Manche Kanzleiberater sagen und schreiben seit einiger Zeit, Anwälte müssten innovativ sein, um sich im harten Wettbewerb erfolgreich zu positionieren. Hat das Substanz?

Was ist an anwaltlicher Arbeit innovativ? Nichts. Nichts? Anwaltskunst besteht darin, innerhalb eines engen Regelkorsetts Lösungen für neue und bislang unbekannte, neuartige oder bekannte Probleme zu finden. In diesem Rahmen ist anwaltliche Arbeit sehr häufig kreativ, keine Frage, aber Kreativität und Innovation sind zwei Paar Schuhe – Kreativität ist oft Voraussetzung für Innovation, aber damit nicht identisch.

Man sträubt sich aber trotzdem, der Anwaltschaft jegliche Innovationsfähigkeit, bezogen auf ihre eigentliche Tätigkeit, abzusprechen. Wenn wir uns Schritt für Schritt nähern, können wir vielleicht etwas erkennen.

Also zunächst: Gibt es innovative „Rechtsdienstleistungsprodukte“? Spontan fällt einem nur Marty Liptons poison pill ein, aber die ist bereits Jahrzehnte alt. Das Private Equity Modell, wonach das erworbene Unternehmen den Kaufpreis selber bezahlt – innovativ? Vermutlich ja, aber nicht von Juristen erfunden. Verbriefung von Darlehensforderungen zur Erleichterung der Bilanz? Auch innovativ, aber auch nicht von Anwälten erfunden. Überhaupt: Wenn Innovation auch eine volkswirtschaftlich sinnvolle Konnotation hat, wird es ohnehin eng. Also doch nur die poison pill?

Wenn uns also nicht viele innovative Rechtsdienstleistungsprodukte einfallen, gibt es dann innovative Beratungsverfahren, parallel zur o.g. Zweiteilung in Produkte und Herstellungsweisen? Die spontane Antwort lautet wiederum nein. Wir arbeiten und beraten heute natürlich ganz anders als vor 10 oder 20 Jahren, aber das liegt an der Entwicklung der IT-Systeme, nicht so sehr an uns selbst. Anwälte nutzen innovative Methoden oder Technologien, sind aber selber nicht innovativ: Die Art unserer Arbeit hat sich im Kern nicht geändert.

Wenn dieser Befund – kreativ ja, sogar sehr, aber nicht innovativ – stimmt, fragen wir uns nach den Gründen. Wenn, wie erwähnt, jede Branche innovativ sein muss, andernfalls sie vom Markt verschwindet, müsste das für die Anwaltschaft auch gelten. Aber Innovation aus sich heraus, ohne Wettbewerbsdruck von außen, findet auch nicht statt, in keiner Branche; Monopole oder Oligopole sind stets innovationsfeindlich.

Dass Anwälte nicht unter Wettbewerbsdruck stehen, wäre eine überraschende These. Wenn man aber nicht auf den internen Wettbewerb schaut, also den Wettbewerb zwischen Anwälten, sondern auf den externen Wettbewerb, nämlich Wettbewerb durch andere Rechtsdienstleister oder Inhouse-Anwälte, dann ist der Befund richtig: Anwälte waren über Jahre konkurrenzlos. Sie hatten ein Monopol, nämlich das Rechtsberatungsmonopol. Deshalb mußten sie nicht innovativ sein und waren es auch nicht. Jetzt kommen sie unter Konkurrenzdruck, insbesondere durch die Inhouse-Juristen und, zunächst nur in England, Italien und Spanien, durch Kapitalinvestoren, die neuerdings Anwaltsgesellschaften besitzen dürfen.

Jetzt geht es erst los mit der Innovation – durch Druck von außen. Schön ist das alles nicht, jedenfalls nicht für jeden. Wir sind gespannt, wie sich die Branche jetzt, unter „normalen“ Marktregeln, entwickeln wird.

(wird fortgesetzt).

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