Deutsche Gesellschaft
für Professional Service Firms e.V.
 

10. August 2013

kolumne: grob, zuammengefasst

Der alltag eines

grenzüberschreitenden Anwalts
 

von Arjen S. Westerdijk

Seit über 14 Jahren bin ich nun als Anwalt (advocaat) in einer niederländischen Großkanzlei im Osten der Niederlande tätig. Seit fast 20 Jahren lebe ich in Deutschland. Als “grenzüberschreitender” Anwalt – im wahrsten Sinne des Wortes – möchte ich Ihnen in dieser Kolumne in regelmäßigen Abständen Erfahrungsberichte über meinen Alltag zukommen lassen.

Teil 2: Der Anwalt und die Kulturunterschiede

Während im ersten Beitrag in dieser Reihe das Wunder der Sprache zentral stand, soll dieser Beitrag dem Thema “Kulturunterschiede” gewidmet sein. Gerade auch im Beruf eines grenzüberschreitenden Anwalts sind Kenntnisse über Kulturunterschiede unerlässlich.

Nun ist es nicht so, dass sich Niederländer und Deutsche so sehr voneinander unterscheiden wie zum Beispiel Amerikaner und Chinesen (N.B.: Das Beispiel ist natürlich rein willkürlich gewählt). Dennoch “lauert” die Gefahr gerade da, wo sich zwei Nationen sehr ähnlich sind oder zumindest zu sein scheinen. Hier folgen einige Beispiele im Verhältnis Niederlande – Deutschland.

Eine erste interessante Beobachtung kann man bereits machen, wenn sich Niederländer und Deutsche zu einer Besprechung oder zu Verhandlungen treffen. Während die Deutschen der niederländischen (bitte nicht: holländischen!) Sprache meistens nicht mächtig sind, verstehen die Niederländer in der Regel einigermaßen gut Deutsch. Aber Achtung! Einmal gefragt, ob man denn das Gespräch bitte auf Deutsch führen könne, legt der Deutsche richtig los und sprudelt es förmlich aus ihm heraus. Der Niederländer, etwas beschämt, dass er doch nicht so richtig “mitkommt” wie erhofft, traut sich dann oft nicht, seinen Gegenüber zu bitten, doch bitte einen Gang herauszunehmen. Also: Freuen Sie sich ruhig darüber, mit Ihrem niederländischen Geschäftspartner in Ihrer eigenen Sprache “parlieren” zu können, aber nehmen bitte Sie etwas Rücksicht.

Ein anderes Beispiel betrifft das berühmt-berüchtigte Thema “Duzen/Siezen”. Als Deutscher sollte man sich der Tatsache bewusst sein, dass man “in der Fremde” doch oft als etwas steif und formell angesehen wird. Gerade da liegt ein großer Unterschied zu dem kleinen Nachbarn im Westen: Die Niederländer “duzen” was das Zeug hält. Bereits beim ersten Geschäftskontakt wird man mit “Du” angesprochen und wird auch gerne nach privaten Dingen gefragt. Titel wie zum Beispiel “Dr.” werden in den Niederlanden eher selten benutzt. Bitte nicht falsch verstehen: Dies soll kein Plödoyer dafür sein, als Deutscher auf einmal sämtliche Höflichkeitsangewohnheiten über Bord zu werfen oder nicht mehr stolz auf den erworbenen Doktortitel zu sein. Dies sollte nur ein kleiner Hinweis sein, nicht gleich die Flucht anzutreten oder pikiert zu sein, falls Sie von einem Niederländer, ohne es ihm angeboten zu haben, bereits nach kurzer Zeit geduzt werden.

Wenn Sie dann nach einer (erfolgreichen) Besprechung zum Lunch schreiten, gibt es für Deutsche in den Niederlanden oft ein “böses Erwachen” (man verzeihe mir bitte die Überspitzung). Die Niederländer essen mittags in der Regel nur ein paar (oft auch noch weiche) Brötchen mit Käse und Aufschnitt, vielleicht eine Suppe dazu, aber auf keinen Fall – wie in Deutschland recht üblich – eine warme Mahlzeit. Die isst man in den Niederlanden lieber abends mit der Familie. Zum Lunch trinken die Niederländer reichlich Milch bzw. Buttermilch - nicht nur für die Deutschen, sondern auch für andere Europäer doch sehr gewöhnungsbedürftig. Ein wohl gemeinter Rat an die niederländischen Mandanten vor einem Termin mit deutschen Gesprächspartnern ist deshalb, das Mittagessen etwas “aufzuhübschen”. Ein Rat an Sie: Verstehen Sie die etwas karge Mahlzeit nicht als negatives Zeichen, es ist nun mal nicht überall dasselbe wie zu Hause. Frei nach dem Motto: “Anderes Land, andere Sitten”.

Fazit: Wie bei der Sprache, sollte man sich auch über die Kultur des jeweiligen ausländischen Gesprächspartners und die Kulturunterschiede informieren und sich gründlich vorbereiten. Fingerspitzengefühl ist also gefragt! Übrigens ist das ein Wort, das ohne niederländische Übersetzung Eingang in die niederländische Sprache gefunden hat.

 

Der alltag eines grenzüberschreitenden Anwalts

>>   Teil 1: Der Anwalt und die Sprache

>>   Teil 2: Der Anwalt und die Kulturunterschiede

>>   Teil 3: Der Anwalt und die Kosten

 

 

Dr. Arjen S. Westerdijk,
Advokat,
KienhuisHoving Advocaten en Notarissen, Niederlande

arjen.westerdijk@kienhuishoving.nl



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