Deutsche Gesellschaft
für Professional Service Firms e.V.
 

10. Juni 2013

kolumne: grob, zusammengefasst

Goldene
Worte

aus
der Goldenen Stadt

Teil Ii
 

von Martin Holler

„Der Staat ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter zu Billiglöhnen ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen.“ Mit diesen markigen Worten versuchte einst ein ehemaliger deutscher Ministerpräsident vom linken Rand des politischen Spektrums sein Wählerreservoir zu vergrößern. Ein anderer ehemaliger deutscher Ministerpräsident vom entgegensetzten politischen Ende gründete seine politische Kariere nicht zuletzt auf eine Unterschriftenaktion mit dem gedanklich wie sprachlich eher schlichten Slogan „Kinder statt Inder“. Wenn einem politisch wenig gelingt oder einfällt, kann also in allen politischen Lagern ein Appell an die wenigstens unterschwellige Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes an einen Ausländer ein probates Mittel sein. Die meisten Menschen nämlich, sogar solche, die sich für liberal und weltoffen halten, hegen wohl wenigstens tief in ihrem Innern eine Furcht vor dem Fremden. Dies gilt sogar dann, wenn sie energisch das Gegenteil behaupten. Oder wie es Methusalix formulierte: „Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier!“ Trifft dies aber auch auf deutsche Anwälte zu? Gilt dies vielleicht sogar für international tätige Transaction-Lawyers in großen Anwaltsfirmen? Sind diese Ängste womöglich insoweit berechtigt, als dass ausländische Anwälte tatsächlich drohen, ihnen „zu Billiglöhnen die Arbeitsplätze wegzunehmen“? Immerhin gab es vor einigen Jahren im Zusammenhang mit der Diskussion um die Europäische Dienstleistungsrichtlinie auch in der deutschen Anwaltschaft eine lebhafte, teilweise sogar emotional geführte Debatte um die Rolle ausländischer Anwälte auf dem deutschen Rechtsberatungsmarkt. Aktuell erleben die großen englischen Anwaltsfirmen, wie aufwendige (und damit auch finanziell interessante) Teile großer Transaktionen auf billige indische „Law-Factories“ ausgelagert werden. Diese sind auch bereits im Bereich der Erstellung und Verwaltung von Standardverträgen bei großen Industrieunternehmen erfolgreich tätig.

Begünstigt die von den englischen Kollegen so schön als „Commodization“ bezeichnete Herabstufung von juristischen Dienstleistungen zu frei handelbaren „Commodities“ ein Vordringen ausländischer Billiganbieter? Muss der deutsche Anwalt fürchten, seinen Job an einen gering bezahlten Advokaten aus dem Osten zu verlieren? Oder ist es nicht vielleicht umgekehrt vielmehr so, dass deutsche Anwälte auf der Flucht vor der Krise der vergangenen Jahrzehnte heuschreckartig in die kleinen Nachbarländer der Bundesrepublik eingefallen sind? Tummeln sich doch viele deutsche Juristen bei großen Anwaltsfirmen vor allem in Luxemburg, aber auch in der Schweiz und Österreich. Leider ist es fast unmöglich, diese Vermutungen mit konkreten Zahlen zu bestätigen oder zu widerlegen.

Weder die Rechtsanwaltskammern noch die Anwaltsvereine erfassen in irgendeiner Weise, in welchem Umfang ausländische Rechtsberater tatsächlich in Deutschland tätig sind oder wieviele deutsche Rechtsanwälte im Ausland beraten. Lediglich die Mitgliederstatistik der Bundesrechtsanwaltskammer zeigt, dass die Zahl ausländischer Anwälte im Jahre 2012 im Vergleich zum Vorjahr um satte 12 % gestiegen ist. Anlass zur Beunruhigung scheint dennoch kaum zu bestehen, wenn man die absoluten Zahlen betrachtet. Von den rund 160.000 Mitgliedern der deutschen Rechtsanwaltskammern sind nämlich nur ganze 681 ausländische Rechtsanwälte. Es handelt sich aus statistischer Sicht also um eine ähnlich exotische Randgruppe wie beispielweise weibliche Anwaltsnotare.

Zwar hat sich auch die Zahl ausländischer Anwälte, die sich nach §206 BRAO im Bundesgebiet niedergelassen haben, seit dem Jahr 2000 mehr als vervierfacht. Tatsächlich handelt es sich aber hierbei um ganze 218 Kollegen, die kaum eine größere Gefahr darstellen dürften für anwaltlich tätige „Familienväter und Frauen.“

Die vorgenannten Zahlen erlauben natürlich kaum Rückschlüsse darauf, wie viele ausländische Rechtsberater denn nun tatsächlich wenigstens zeitweise bei rechtlichen Problemen in Deutschland beraten, ohne hier niedergelassen zu sein. So bleibt zu hoffen, dass der Umstand, dass dies von niemandem erfasst wird, darauf beruht, dass es sich hierbei um kein signifikantes Phänomen handelt.

Da es bislang auch noch keine seriösen Berichte über auf dem deutschen Markt erfolgreich tätige rumänische Law-Factories gibt, scheint einer Fremdenfurcht unter deutschen Anwälten derzeit bereits die faktische Grundlage zu fehlen. Zumindest bis zum nächsten Entwurf einer europäischen Dienstleistungrichtlinie…  

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