Deutsche Gesellschaft
für Professional Service Firms e.V.
 

10. Juni 2012

kolumne: grob, zusammengefasst

Gebrüll zur Rechtsdidaktik I

Woher kommt das Übel?

von Volker Tausch

Anwaltskanzleien sind Professional Service Firms mit einem Problem: Ihre jungen Professionals kommen aus der Jura-Ausbildung vollgestopft mit Rechtsdogmatik ohne einen Funken Unternehmer- (Partner-!) impetus: Autistische Subsumtionsmaschinen, die erst mal teure kanzleiinterne Ausbildungsprogramme oder im glücklichsten Fall „coachings“ durch ältere Partner genießen müssen, um zu kapieren, dass ein „VB“ Mandanten nichts bedeutet und was Mandanten überhaupt sind. Manche sind aber nach der Jura-Mühle lebenslang für Absatz anwaltlicher Dienste und Kundenkontakt versaut.

Wäre die Juristenausbildung an Universitäten nicht in Bologna um das Jahr 1000 erfunden und die Rechtsdogmatik seit Augustus nicht zweitausend Jahre alt, könnten Rechtsbildungsverantwortliche in die Hände spucken und die Ausbildung endlich im Blick auf die spätere Berufspraxis von über 85 % der Absolventen neu gestalten. Das Übel steckt aber tief in Hörsälen, Studierstuben und Professorenköpfen: Falscher Rechtsunterricht! Staatliche Hochschulen haben trotz Studienreförmchen noch immer nicht begriffen, worum es im Geschäft der Rechtsbranche geht und menschenverachtende, demotivierende Staatsprüfungen speien noch immer nur hasenfüßige Epigonen der „herrschenden Meinung“ aus, die vorsichtig genug sind, den Korrektor nicht durch eine eigene Meinung zu verärgern.

Vereinzelte „Leuchttürme“: Zwei Rechtsfakultäten, Hamburg und Passau, mit eigenen Instituten für Rechtsdidaktik.

Köln immerhin mit einer ambitionierten und, so müsste man meinen, hinreichend „ausgewiesenen“, Hochschullehrerin, die sich anschickt, auf einem neuen Steckenpferdchen durch die Manege zu traben und sich offensichtlich noch mehr als bisher ein Denkmal in der deutschen Jura-community setzen mag und zur Zeit wissenschaftliche Mitarbeiter sucht.

Passau versteht unter Rechtsdidaktik Repetitorleistungen durch drei W2-Professoren zur Vorbereitung auf das Erste Examen – das hat mit „Didaktik“ gar nichts zu tun, kreativloses Nachäffen privater Jurapauker – nicht mal feigenblatt-tauglich. Wie wichtig die niederbayrisch-oberpfälzische Rechtsfakultät das Thema „guter Rechtsunterricht“ nimmt, erkennt man schon an der Besoldungsgruppe der beauftragten Hochschullehrer, die, als sei Verbesserung des Rechtsunterrichts keine Daueraufgabe, jedes Jahr um Verlängerung ihrer befristeten Verträge winseln müssen.
Näher dran ist da schon die Juristenfakultät Hamburg, die seit 2010 zwei angehende Juniorprofessoren jährlich im März Tagungen zur Didaktik des Rechtsunterrichts organisieren lässt. Diese Zusammenkünfte stießen inhaltlich schon beim ersten Mal an ihre Signalgrenzen und vermögen nur Jahr für Jahr weniger Teilnehmer zu locken. Es ist nämlich deutlich geworden, dass die ABM für die Jungwissenschaftler gar nicht zum Ziel hat, Wurzeln des Problems anzugehen. Warum? Weil Reformen des Rechtsunterrichts nur im Rahmen der Vorgaben des Deutschen Richtergesetzes möglich sind und das verlangt in Prüfungen Juristen unsinnige Falllösungs-Drangsalen im Gutachtenstil und Herunterbeten von „Mindermeinungen“ ab, nur, um sie dann prüfungstaktisch-jovial mit der herrschenden Meinung „abzulehnen“. An diesem Unsinn wollen die Hamburger Junioren auch auf gar keinen Fall rütteln. Was kaum einer weiß: Hamburg hatte früher zwei Flügel-Rechtsfakultäten: Die „linke“, reformorientierte, ist, vorher von langer Hand systematisch kaputt gespart, von der konservativen geschluckt worden.

Jaja, Juristen müssen subsumieren lernen, aber: Wen interessieren in der Praxis schon Meinungsstreite? In nahezu keinem juristischen Berufsfeld, mit Ausnahme des Berichterstatters einer Kammer oder eines Senates vielleicht, ist gefragt, ob die professoralen Kapazitäten aus München, Heidelberg und Münster, die werthen Professores Turm, Elfenbein und Eitel, im Beckschen Kommentar-Konvolut „meinen“, etwas sei so und so auszulegen.

Viele Jungjuristen brauchen bis zum ersten Tag in einer Anwaltskanzlei, um brüsk auf dem regennassen Asphalt vorm Wolkenkuckucksheim ihrer Jura-Ausbildung mit einer sie selbst völlig überraschenden Erkenntnis aufzuschlagen: Gesetzeskommentare sind keine Rechtsquellen!

Juristische Fachverlage, allen voran der greise Marktführer Beck, leben seit Jahrzehnten von publizierten Meinungen, die mit der realen Welt gar nichts zu tun haben und sie auch „nicht wirklich“ beeinflussen, kurz: Das braucht niemand, der das Gesetz nach Savigny auszulegen gelernt hat und Rechtsprechung liest.

Für Fachverlage geniales Geschäftsmodell und Kartenhaus zugleich: Der Beck-Verlag hätte nämlich zu Zeiten des oströmischen Kaisers Justinian (482 bis 565 in Istanbul) Insolvenz anmelden müssen. Der Despot hatte für seinen „Codex Iustiniani“ (besser bekannt als „Corpus Iuris Civilis“, CIC), vielleicht die erste umfassendes Gesetzesssammlung der westlichen Welt, ein Kommentierungsverbot verfügt, damit niemand den Gesetzesinhalt „verfälschen“ könnte. Das nahm sich der Alte Fritz (Friedrich II., auch Friedrich der Große 1712 bis 1786 in Potsdam), im Preußen des 18. Jahrhunderts ebenfalls zu Herzen, auch seine Dekrete unterlagen strafbewehrtem Kommentarverbot. Und ja, es fällt einem auch der mutige, von der Juristengilde geteert und gefederte, Staatsanwalt Kirchmann ein, der nicht ganz bis zu Ende gedacht hat, als er feststellte, dass Bibliotheken zur Makulatur werden, wenn der Gesetzgeber spricht. Kirchmann hatte das publizistische perpetuum mobile der Fachwelt unterschätzt, denn ein neues Gesetz gebiert nämlich stets was? Klar, einen neuen Beck-Kommentar – Geschäftspolitik eines Marktführers.

Wieso müssen Studenten und Referendare Wichtigtuerei von Rechtsgelehrten denn heute noch mühsam aus inflationär-unzähligen Fachzeitschriften herausklauben? Die Römer sind „schuld“, denn Kaiser Augustus (=Oktavian, 63 v.-14 n.Chr.) hielt sich in seiner „Kanzlei“ Juristen-Schreiberlinge, die „respondi“, gutachterliche Ausarbeitungen zu Rechtsfragen ausarbeiten „durften“ – in dieser Zeit, der Hochklassik und Blüte des römischen Reiches und römischen Rechts entstanden alle heutigen juristischen Literaturgattungen: Kommentare, Monographien, Lehrbücher. Das ist also 2000 Jahre her – höchste Zeit, Gutachtenstil und Sezieren juristischer Meinungen endlich abzuschaffen! Solange Kandidaten in der mündlichen Staatsprüfung zwar die 18. Auffassung zum Bereicherungsrecht kennen, aber nicht wissen, wo Vergaberecht geregelt ist, muss man laut brüllen dürfen: Im Rechtsunterricht läuft was verkehrt und das schon viel zu lange!

Leider wollen unsere Hamburger Junior-Rechts„didaktiker“ (allesamt Juristen ohne pädagogisch-didaktische Ausbildung!) die Axt nicht an den Meinungsbaum legen, schließlich will man ja im Tagungsband publizieren – das erfordert der für die Juniorprofessur zu erbringende wissenschaftliche „track-record“.

Auf den Hamburger Rechtsdidaktik-Tagungen sind im übrigen nicht mal als Gastredner Pädagogen oder Didaktik-Experten präsent – wie immer können Juristen am besten alles selbst!

Noch eine stilblüterische Anekdote zum Schluss: Manuskripte von Tagungs-Rednern, die im Tagungsband pointiert sagen wollen, was im modernen Rechtsunterricht Trumpf sein könnte und eigene erfolgreich praktizierte Unterrichtserfahrungen Kollegen weitergeben möchten, lehnen die Hamburger „nach ausgiebiger Beratung im Herausgeberkreis des Tagungsbandes mit großem Bedauern“ ab: Zu wenig Fußnoten!

Gute Nacht, Rechts„didaktik“!


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