Deutsche Gesellschaft
für Professional Service Firms e.V.
 

10. März 2014

kolumne: grob, zuammengefasst

Der alltag eines

grenzüberschreitenden Anwalts
 

von Arjen S. Westerdijk

Seit über 14 Jahren bin ich nun als Anwalt (advocaat) in einer niederländischen Großkanzlei im Osten der Niederlande tätig. Seit fast 20 Jahren lebe ich in Deutschland. Als “grenzüberschreitender” Anwalt – im wahrsten Sinne des Wortes – möchte ich Ihnen in dieser Kolumne in regelmäßigen Abständen Erfahrungsberichte über meinen Alltag zukommen lassen.

Teil 3: Der Anwalt und die Kosten

In dem ersten Beitrag in dieser Reihe stand das Wunder der Sprache zentral. Der zweite Beitrag war dem Thema “Kulturunterschiede” gewidmet. In diesem (vorerst) letzten Beitrag in dieser Reihe wird die oft „leidige“ Problematik der Kosten behandelt. Als grenzüberschreitender Anwalt ist auch das ein Thema, mit dem man täglich zu tun hat.

Wie das materielle Recht der Niederlande und Deutschlands, unterscheiden sich auch die Kostensysteme beider Länder in erheblichem Maße. Während der deutsche Mandant bei einem Rechtsstreit – selbstverständlich nach Aufklärung durch seinen deutschen Anwalt – relativ einfach einen Überblick über die zu erwartenden Kosten bekommen kann, ist dies jenseits der Grenze im Nachbarland Niederlande meistens nicht der Fall. Denn wie bei der „normalen“ (außergerichtlichen) Beratung, rechnen die niederländischen Anwälte auch ihre Tätigkeiten vor Gericht nach Stunden ab. Je nachdem wie langwierig und aufwändig ein Gerichtsverfahren ist, steigen auch die Kosten für den Mandanten und gibt es ab und zu ein „böses Erwachen“. Hinzu kommt die – zumindest für den deutschen Betrachter doch recht ungerechte – Besonderheit, dass man anders als in Deutschland die Prozesskosten nicht vollständig ersetzt bekommt, selbst wenn man den Rechtsstreit in allen Punkten gewonnen hat. Die Prozesskosten werden von den niederländischen Gerichten nach einem komplizierten Prozedere („liquidatietarief“) nur zu einem Bruchteil der unterliegenden Partei auferlegt. Warum diese großen Unterschiede?

Das deutsche Kostensystem ermöglicht es seinen Bürgern und Unternehmen, auch in Angelegenheiten mit einem sehr geringen Streitwert vor Gericht zu ziehen. Sie sollen nicht vor den Kosten eines Gerichtsverfahrens zurückschrecken. Der niederländische Gesetzgeber dagegen möchte der „Flut“ an Gerichtsverfahren entgegensteuern und zwingt seine Untertanen durch die vorgenannten Hürden (hinzu kommt noch ein immer wieder steigendes „griffierecht“, sprich: Eingangs-Gerichtsgebühr) ihre Streitigkeiten doch möglichst vorher mittels eines Vergleichs beizulegen. Sozusagen ein gesetzliches „poldermodel“, das auch in der niederländischen Politik immer wieder gerne eingesetzt wurde.

Systeme lassen sich nicht so schnell ändern, eine Diskussion über die Vor- und Nachteile beider Systeme würde den Rahmen dieser Kolumne sprengen. Was also tun als grenzüberschreitender Anwalt im täglichen Kontakt mit Mandanten aus beiden Ländern? Die Antwort lautet: „Erwartungsmanagement“. Aufklärung ist das „A und O“. So ist es ratsam, bereits beim ersten Kontakt mit deutschen Mandanten klarzustellen, dass es (auch) vor Gericht in den Niederlanden etwas anders zugeht als „zu Hause“. Konflikte mit einem sehr niedrigen Streitwert lassen sich oft besser vergleichen, sonst besteht die Gefahr, dass die Kosten den Streitwert bei Weitem übersteigen werden. Standpunkte, die auf den ersten Blick sehr stark und unwiderlegbar aussehen, sind dies bei näherer Betrachtung oft doch nicht. Wie im wirklichen Leben sind viele Fälle eben nicht schwarz-weiß. Eine Kosten-Nutzen-Analyse ist immer gefragt, aber erst recht, wenn man im jeweiligen Nachbarland vor Gericht ziehen möchte.

Fazit: Auch bei dem Thema „Kosten“ lohnt es sich (im wahrsten Sinne des Wortes!), sich vorher nach den Gepflogenheiten des jeweils anderen Landes zu erkundigen. Mit Hilfe Ihres grenzüberschreitenden Anwalts lassen sich Erwartungen besser steuern und Überraschungen vermeiden.

 

Der alltag eines grenzüberschreitenden Anwalts

>>   Teil 1: Der Anwalt und die Sprache

>>   Teil 2: Der Anwalt und die Kulturunterschiede

>>   Teil 3: Der Anwalt und die Kosten
 


 

 

Dr. Arjen S. Westerdijk,
Advokat,
KienhuisHoving Advocaten en Notarissen, Niederlande

arjen.westerdijk@kienhuishoving.nl


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