Deutsche Gesellschaft
für Professional Service Firms e.V.
 

8. Mai 2012

kolumne: grob, zuammengefasst

Der alltag eines

grenzüberschreitenden Anwalts
 

von Arjen S. Westerdijk

Seit über 14 Jahren bin ich nun als Anwalt (advocaat) in einer niederländischen Großkanzlei im Osten der Niederlande tätig. Seit fast 20 Jahren lebe ich in Deutschland. Als “grenzüberschreitender” Anwalt – im wahrsten Sinne des Wortes – möchte ich Ihnen in dieser Kolumne in regelmäßigen Abständen Erfahrungsberichte über meinen Alltag zukommen lassen.

Teil 1: Der Anwalt und die Sprache

Es gibt viele Berufe, für die die Sprache wichtig ist oder gar elementare Bedeutung hat. Denken Sie zum Beispiel an Berufe wie Pfarrer, Politiker, Journalist, Radiokommentator, Schauspieler und so weiter. Wie unterschiedlich diese Berufe auch sind, haben sie doch eines gemeinsam: die Bedeutung der Sprache, der sie sich täglich bedienen. Das gilt insbesondere auch für den Beruf des Anwalts.

Ob mündlich oder schriftlich, ob vor Gericht oder bei Vergleichsverhandlungen: Stets ist es für den Anwalt von Belang, seine Worte sorgfältig auszuwählen, sie richtig einzusetzen und zu betonen, um so die Interessen seines Mandanten optimal wahrzunehmen.

Die Rolle der Sprache wird natürlich umso bedeutender (und tückischer!), wenn zwei oder mehr Sprachen involviert sind. Deutsche und niederländische Anwälte werden dies zum Beispiel bei Verhandlungen über die Übernahme eines Unternehmens zum Teil schmerzlichst erfahren haben. Denkt man am Anfang noch, dass man für den Mandanten gut daran tut, nicht klein beigeben zu wollen, sich auf die jeweils andere (denn: fremde) Sprache einzulassen, so dass man dann doch lieber auf das (allerdings für beide Parteien fremde) Englische ausweicht, muss man doch im Laufe einer Transaktion leider oft feststellen, dass man dadurch mehr Missverständnisse hervorgerufen hat als etwas gewonnen zu haben. Die Kenntnisse des Englischen reichen, insbesondere was das Fachvokabular betrifft, oft einfach nicht aus.

Die Gefahren und, etwas positiver formuliert, die Herausforderungen, die richtige Übersetzung für einen bestimmten Begriff zu finden, habe ich insbesondere in meiner Studienzeit an der Universität Osnabrück kennengelernt. Als ich, Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, mit einer Gruppe deutscher und niederländischer Juristen den Versuch startete, das komplette niederländische Bürgerliche Gesetzbuch (Burgerlijk Wetboek) ins Deutsche zu übersetzen, war dies vor allem am Anfang eine sehr große Herausforderung. Bevor man ein solches Projekt überhaupt sinnvoll beginnen kann, muss man sich erst einmal Gedanken darüber machen, wie man die wichtigsten Begriffe übersetzt. E ist hilfreich, erst einmal eine Liste der wichtigsten Begriffe aufzustellen. So lernt man zum Beispiel, dass die rechtshandeling nicht mit Rechtshandlung, sondern am besten mit Rechtsgeschäft übersetzt wird. Manches würde man im Nachhinein vielleicht anders übersetzen und über bestimmte Übersetzungen lässt sich – gerade bei juristischen Texten – natürlich gern streiten.

Lustige Beispiele für wirklich falsche Übersetzungen gibt es viele. Hier nur eine willkürliche Auswahl: Wenn man die Beendigung (ontbinding) eines Arbeitsvertrages meint, sollte man nicht über die Entbindung, sondern über die Aufhebung oder Auflösung des Vertrages sprechen. Umgekehrt sollte man das Schild laatste uitvaart im Sinne einer letzten Ausfahrt lieber nicht verwenden, wenn man bedenkt, dass die uitvaart in den Niederlanden die Bestattung bedeutet. Diese Beispiele werden übrigens im Niederländischen als valse vrienden genannt, was man tunlichst nicht mit falschen Freunden übersetzen sollte. Valse vrienden sind Wörter, die in ihrer Form oder ihrem Klang einem Wort aus einer anderen Sprache ähneln, jedoch eine andere Bedeutung haben. Andere Beispiele sind: Notwehr bedeutet nicht noodweer im Sinne schlechten Wetters, sondern nur Selbstverteidigung; Unwetter dagegen ist nicht onweer (Gewitter), sondern tatsächlich noodweer; mit Recherche wird keine Abteilung der Polizei, sondern das Nachforschen gemeint.

Man sollte also, wenn man sich einer Fremdsprache bedient, immer aufpassen und lieber sachkundige Hilfe in Anspruch nehmen. Selbstverständlich sollte sich man dabei den neuen Medien und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten nicht verschließen. Die Benutzung von Online-Übersetzungsprogrammen sind allerdings mit großer Vorsicht zu genießen. Aus mevrouw mr. A. van Veen (mr. = der niederländische Titel für Juristen, meester = master) wird dann leicht Frau Herr A. van Veen. Das könnte man noch als harmlos bezeichnen. Richtig peinlich wird es aber, wenn man anhand solcher Übersetzungsdienste während einer wichtigen Vorstandssitzung über die ontlasting des Vorstands spricht (= die Fäkalien!), wenn man die Entlastung (kwijting, decharge) desselben meint

Fazit: Sprachen sind etwas Wunderbares, man sollte aber immer bedenken: Schuster, bleib bei deinen Leisten!

 

Der alltag eines grenzüberschreitenden Anwalts

>>   Teil 1: Der Anwalt und die Sprache

>>   Teil 2: Der Anwalt und die Kulturunterschiede

>>   Teil 3: Der Anwalt und die Kosten

 

 

Dr. Arjen S. Westerdijk,
Advokat,
KienhuisHoving Advocaten en Notarissen, Niederlande

arjen.westerdijk@kienhuishoving.nl



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