Deutsche Gesellschaft
für Professional Service Firms e.V.
 

7. März 2012

kolumne: grob, zusammengefasst

Der ehrbare Anwalt 2012

von Christian Pothe

In diesen Tagen fällt manchem Kommentator der verbale Brückenschlag vom Ehrenwort zum Ehrensold nicht besonders schwer. In beiden Begriffen dominiert die Ehre und beide sind untrennbar verbunden mit einem Verhalten von Politikern, das in der breiten Öffentlichkeit gerade nicht als ehrenhaft angesehen wird. Frei wird der Begriff Ehre dabei mit den Substantiven Anstand, Moral und Niveau kombiniert, die ebenso einen individuellen Interpretationsspielraum von ungeahnter Breite eröffnen. Dabei fällt es einem Zeigefingererheber offenbar leichter, zu negieren, also ein Verhalten als nicht ehrenvoll zu bezeichnen, als gleich die Keule des Gegenteils, also der Schande, herauszuholen.

Aus dem Blickwinkel der Anwaltschaft kann man der aktuellen Diskussion zumindest einen positiven Aspekt abgewinnen. Die angeprangerten Verhaltensweisen, die Christian Wulff letztlich den vorzeitigen Zapfenstreich im kleinen Kreis einbrachten, werden tatsächlich nur mit seiner Tätigkeit als Politiker in Zusammenhang gebracht. Dass ist grundsätzlich auch nicht zu beanstanden, da er zu den benannten Tatzeitpunkten Ministerpräsident in Niedersachsen war und später, als brutalstmöglich aufgeverklärt wurde, bereits in Bellevue residierte. Uwe Barschel hingegen befand sich noch auf der Stufe des Ministerpräsidenten, als er das Vertrauen der Wähler in Schleswig-Holstein verlor. Viel tiefer geht die Analyse der Gemeinsamkeiten meist nicht. Insbesondere wird nicht thematisiert, dass beide vor ihrer politischen Tätigkeit das gleiche Studium absolviert und Zulassungen als Rechtsanwälte erworben hatten.

Vergleichbares gilt bekanntlich auch für andere Politiker, die in letzter Zeit ihre Ämter geräumt haben. So ist bei Karl-Theodor zu Guttenberg das viel diskutierte Nicht-Plagiat in mühevollster Kleinarbeit neben seiner Abgeordnetentätigkeit entstanden. Als er vorerst scheiterte, war er immerhin schon Bundesminister. Er hat aber bisher nur das erste juristische Staatsexamen absolviert, weshalb es diesem Fall zumindest an der Gemeinsamkeit der Anwaltszulassung mangelt.

Eine eher lokale Diskussion über das anständige Verhalten von Politikern findet gegenwärtig in Hamburg statt. Es geht dabei um den Erwerb und die Absicherung des privaten Wohnsitzes des Sechs-Monats-Bürgermeisters Christoph Ahlhaus. Auch hier ist das verbindende Element, Sie ahnen es, die Ausbildung zum Juristen. Anders als KT hat Ahlhaus allerdings auch schon einmal eine Zu-lassung als Rechtsanwalt erhalten.

Unstrittig dürfte bei alledem sein, dass die genannten Vorgänge und deren Folgen nicht auf derselben Unwertstufe stehen und bisher auch nicht zu strafrechtlichen Verurteilungen oder Verfahren vor den Anwaltsgerichten geführt haben. Auch könnte man an dieser Stelle natürlich deutlich mehr Beispiele für Politiker anführen, die zugleich Anwälte waren und sich stets ehrenvoll, anständig, niveauvoll und moralisch verhalten haben.

Interessanter ist es dennoch, das verstörende Moment etwas intensiver zu betrachten. Sind diese Gemeinsamkeiten ein purer Zufall oder gibt es eine irgendwie geartete Kausalität? Und selbst wenn es Zufall sein sollte, was tun wir eigentlich in der Ausbildung von Juristen und anschließend während der anwaltlichen Tätigkeit, um ehrenhaftes, anständiges, moralisches und niveauvolles Verhalten zu fördern? Etwa nicht genug?

Ein verpflichtendes Studium Generale, in dem auch soziale Kompetenzen vermittelt werden, gibt es jedenfalls an viel zu wenigen Universitäten und Hochschulen in Deutschland. Manche wünschen sich stattdessen eher einen Nachwuchs, der Jura allein wie eine mathematische Rechenaufgabe betrachtet. Man schüttet in den Studenten einen Sachverhalt hinein, dieser kennt die dazugehörigen Formeln, also die Gesetze, Verordnungen etc., und spuckt die danach berechnete Lösung aus. Dafür sind im Studium die Sachverhalte unstrittig und die Lösungen, zumindest nach der Vorgabe für die Korrekturassistenten, eindeutig. Schon an dieser Stelle der Ausbildung muss sicher deutlich mehr getan werden, um angehenden Juristen fachübergreifende Kompetenzen zu vermitteln und ihre allgemeine Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Dass dies gegenwärtig gewollt und finanzierbar ist, ergibt sich allerdings weder aus den Äußerungen der maßgeblichen Hochschulpolitiker zur Reform der Juristenausbildung, noch aus den Statements der potentiellen Arbeitgeber.

Weiter gehen die Probleme für die Rechtswissenschaftler dann im Referendariat. Dieses bietet aufgrund der unverändert großen Themenbreite und der Notwendigkeit der gleichzeitigen Vorbereitung auf das zweite Examen, schon zeitlich wenig Platz für die Förderung sozialer Kompetenzen. Noch mehr als im Studium steht hier die Vereinbarkeit von Handeln mit höchstrichterlicher Rechtsprechung im Vordergrund und nicht die Vereinbarkeit mit Ehre, Niveau, Anstand und Moral. Zu allem Überfluss lauert auf die angehenden Volljuristen im Referendariat auch noch die Relationstechnik. Diese für die Falllösung eigentlich sehr hilfreiche Methode, führt bei einigen Kollegen dazu, dass generell eine Denkweise etabliert wird, bei der juristisch nicht entscheidungserhebliche Dinge – nehmen wir als Beispiele wieder die Begriffe Ehre, Anstand, Moral und Niveau – ausgeblendet werden. Es kann ja auch eigentlich gar nichts unanständig oder unmoralisch sein, was rechtens ist bzw. von einem Gericht im Namen des Volkes als Recht gesprochen wird.

Wenn man die Relationstechnik für sich selbst dann noch weiter auf die Spitze treibt, denkt man irgendwann nicht nur ausschließlich in den Kategorien „erheblich“, „unerheblich“, „beweisbar“ bzw. „nicht beweisbar“, sondern setzt letztere auch noch mit „wahr“ bzw. „unwahr“ gleich. Dieses mag den Befallenen noch gerade durch einen Zivilprozess bringen, aber in politischen Prozessen und in der Sitzung mit den Partnern der eigenen Kanzlei, wird es schon sehr eng.

Blicken wir unter diesem Gesichtspunkt einmal auf den Beginn der Probleme für Christian Wulff zurück: Da beantwortet er eine Anfrage im niedersächsischen Landtag dahingehend, dass keine geschäftlichen Beziehungen zum Unternehmer Egon Geerkens bestanden. Für die Beantwortung dieser Anfrage war es, zumindest unter Berücksichtigung der in seiner juristischen Ausbildung erlernten Denkweise, nicht erheblich, darauf hinzuweisen, dass er für den Kauf eines Hauses einen Kredit über € 500.000,– von der Ehefrau des besagten Herrn Geerkens erhalten hatte. Ist die ganze Wulff-Affäre daher vielleicht nur eine Folge falscher Lehrinhalte in Studium und Referendariat? Ihm hat ja niemand beigebracht, dass er aus Gründen des Anstands auch Sachen sagen darf, die juristisch unerheblich sind. Kann der arme Mann eigentlich gar nichts dafür? Muss ein Jurastudium von Gerichten unter diesem Gesichtspunkt gar strafmildernd berücksichtigt werden, vergleichbar einer schweren Kindheit?

Wann muss man sich auf dem Weg zum Anwalt in Deutschland überhaupt mit den Dimensionen von Ehre, Moral, Anstand und Niveau im Hinblick auf das eigene Verhalten beschäftigen? Eigentlich gar nicht. Das ganze geschieht, wenn überhaupt, auf freiwilliger Basis. Lediglich die mögliche Strafbarkeit eigenen Verhaltens ist ein Thema, denn das Führungszeugnis sollte möglichst nicht ganz so verheerend aussehen, wenn man seinen Zulassungsantrag stellt. In den USA müssen Anwälte vor ihrer Zulassung immerhin das Multistate Professionell Responsibility Examen (MPRE) bestehen. Dieses wurde seit 1980, angeblich als eine Spätfolge des Watergate Skandals, eingeführt. Nun gut, ein Multiple Choice Test mit standardisierten Fragen zur Zulässigkeit von anwaltlichen Verhaltensweisen trifft den Kern zwar auch noch nicht ganz, aber es könnte zumindest auch in Deutschland ein Anfang sein.

Selbst durch einen solchen Test könnte man aber kaum alle Juristen die Verhaltensauffälligkeiten à la Christian Wulff aufweisen, von der Anwaltschaft fernhalten. Daher muss man bei der Selektierung des Nachwuchses für die eigene Kanzlei zusätzliche Vorkehrungen treffen, die einen vor bedenklichen Kollegen schützen. Manche HR-Abteilungen tun aber immer noch das genaue Gegenteil. Sie versuchen aus der Masse der Bewerber diejenigen Personen herauszufiltern, die zu einem extrem hohen Arbeitseinsatz neigen. Kombiniert mit juristischem Know-How und Akquisitionsgeschick, verspricht ein solcher Bewerber nämlich viele schöne Billable Hours. Fokussiert man die Nachwuchssuche jedoch zu sehr auf den Aspekt des zukünftigen Arbeitseinsatzes, so sucht man strukturell nach dem sogenannten Insecure Overachiever.

Insecure Overachiever werden unter anderem definiert als „Menschen, die ein schwaches Selbstwertgefühl haben, sich den andern oft unterlegen fühlen und permanent durch extrem hohen Arbeitseinsatz beweisen müssen, dass sie doch etwas wert sind“. Von Verantwortungsbewusstsein, ob nun gegenüber der Umwelt, den Mitmenschen, dem Gemeinwohl oder zumindest den Partnern der eigenen Sozietät, steht in dieser Definition leider ebenso wenig, wie von anständigem oder ehrenvollem Verhalten. Ob einen solchen Associate später die vielen schönen Social-Skill Schulungen der Kanzlei noch auf den Pfad der Tugend zurückholen können, ist stark zu bezweifeln.

Vielleicht ist es mir ja auch gleichgültig, ob in der Gesellschafterversammlung meiner Kanzlei ein Partner mit schwachem Selbstwertgefühl und verkümmerter sozialer Kompetenz neben mir sitzt, solange seine Billable Hours stimmen? Wenn nein, wie verhindere ich es? Was in einem CV kann mir sagen, woran ich diesen Typus erkenne? Lassen die obigen Beispiele den Rückschluss zu, dass Männer schlimmer sind als Frauen? Ist ein Parteibuch so wichtig wie verhandlungssicheres Englisch? Nehme ich lieber einen BFD-ler, als einen VB-ler. Ziehe ich einen Christen einem LL.M. vor? Selbstver-ständlich sind diese Gegenüberstellungen unsinnig und die genannten Merkmale erlauben keine ernsthafte Aussage über die Persönlichkeitsstruktur eines Bewerbers. Aber spannend wäre es schon, einmal zu wissen, anhand welcher Punkte in den verschiedenen Kanzleien eine Einschätzung des Charakters von Bewerbern vorgenommen wird.

Das Ganze hat übrigens auch noch eine Bedeutung für die Prognose des Endes der Zusammenarbeit. Zu bösen Folgen können persönliche Defizite im Bereich von Anstand und Niveau nämlich auch noch dann führen, wenn jemand eine Kanzlei verlässt, gleich ob als High-Performer oder als Underperformer. Wer möchte in seinem Haus schon eine Schlammschlacht erleben, wie sie sich gegenwärtig der Kieler Kollege Trutz Graf von Kerssenbrock, ehemals CDU-Aufklärer im Barschel-Untersuchungsausschuss, und Wolfgang Kubicki, FDP-Spitzenkandidat für die schleswig-holsteinische Landtagswahl im Mai, liefern. Richtig, auch hier findet sich ganz nebenbei wieder die offenbar gefährliche Doppelqualifikation von Politiker und Anwalt.

Deutlich wird an alledem jedenfalls, dass die HR-Abteilungen von Kanzleien eine große Verantwortung für das Image des gesamten Berufsstands haben und nicht nur für das Wohlergehen ihrer Sozietät. Bis jetzt scheint ihnen die Arbeit übrigens trotz der geschilderten Umstände ganz gut geglückt zu sein. Das Ansehen könnte zwar besser sein, aber ein Reputationsschaden für die Anwaltschaft ist bisher nicht erkennbar. Für 2011 sah die „Allensbacher Berufsprestige-Skala“ den Rechtsanwalt sogar noch auf Platz 7 von 18 ausgewählten Berufen. Der Politiker findet sich hingegen auf dem drittletzten Platz, gerade noch so vor den Bankern. Ob die Befragten allerdings zu diesem Zeitpunkt schon die anwalt-liche Performance beim Kauf der Aktien des Energiekonzerns EnBW von der französischen EdF durch das Land Baden-Württemberg berücksichtigt haben, ist mir nicht bekannt.

Nun aber noch einmal Hand aufs Herz: Was würde passieren, wenn ein vorerst Gescheiterter sein 2. Staatsexamen nachholt und sich in ihrer Anwaltskanzlei bewirbt? Können der Respekt vor einer Lebensleistung oder ein vielversprechendes persönliches Netzwerk den verlorenen Doktortitel aufwiegen? Nun gut, in diesem speziellen Einzelfall sind einige ältere Juristen hinter vorgehaltener Hand ja noch recht gnädig. Sie vergleichen das Fehlverhalten von KT mit gewissen Arbeitsteilungen, die früher in Zeiten der Hausarbeitenexamina üblich gewesen und auch von ihnen praktiziert worden sein sollen. Jüngere Kolleginnen und Kollegen mögen das aber bereits anders sehen, denn sie konnten in den Klausurexamen ihre Juristenehre zumindest an diesem Punkt nicht mehr aufs Spiel setzen.

Es sind ohnehin die jüngeren Kolleginnen und Kollegen, die sich vertieft Gedanken über die Bewahrung des Ansehens der Anwaltschaft im Allgemeinen und ihrer eigenen Kanzleien im Besonderen machen müssen. Die Kompetitivität einer Kanzlei wird nämlich in immer stärkerem Maße von ihrer gesamt-gesellschaftlichen Reputation beeinflusst. Schon heute erhält man kaum ein großes internationales Mandat ohne vorherige Vorlage des kanzleieigenen CSR Programms. Wie soll man dann noch Mandanten akquirieren, wenn sich im unendlichen Gedächtnis des Internets festgebrannt hat, dass ein Partner der eigenen Kanzlei wegen seiner unanständigen Arbeitsweisen regelmäßig von einem Shit-storm heimgesucht wird?

Zwar ist es völlig unabsehbar, ob und in welcher Form in Studium und Referendariat jemals soziale Kompetenzen des juristischen Nachwuchses gefördert und geprüft werden können, aber zumindest bei den Kanzleien besteht aufgrund des Wettbewerbsdrucks Hoffnung. Unabhängig davon, würden einige Marketingabteilungen aber wohl auch schon dann internen Druck aufbauen, wenn JUVE ein paar entsprechende Award-Kategorien neu einführt. Wie wäre es denn mit dem ehrbaren Anwalt 2012?

Abgelegt unter Kolumne | Archiv »

 

 

 

DGPSF      |      Über_uns      |      Studien      |      Kolumne      |      Denkanstoß      |      Pressemitteilungen      |      Kontakt      |      Impressum

D|G|P|S|F © 2012 All Rights Reserved.

www.dg-psf.de